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Quartiersfunk Notes #02 – Die 80 Jahre Lücke

QFN #02 · 11.06.2026 · Lesezeit ca. 4 Minuten

Die 80 Jahre Lücke

Reihe: Im Gespräch mit Prof. Phillip Goltermann · Livable Places

Filip Egert · Geschäftsführer ANIMUS GmbH · 4 Min.4 Min.

Letzte Woche saß ich wieder mit Prof. Phillip Goltermann von Livable Places zusammen, und wie fast immer in diesen Gesprächen fiel irgendwann ein Satz, der bei mir hängen blieb. Wir planen und bauen Gebäude für ein ganzes Jahrhundert, sagte er sinngemäß, während sich die Menschen darin in einem völlig anderen Takt verändern.

Und tatsächlich, ein Blick in die Statistik belegt genau das. Ein Wohngebäude in Deutschland wird im Schnitt auf eine Lebensdauer von achtzig bis hundert Jahren ausgelegt. Und selbst der treueste Mieter, wir Deutschen gehören europaweit zu den standorttreuesten überhaupt, bleibt im Durchschnitt rund zwölf Jahre in derselben Wohnung. Schon dieser eine Vergleich reicht, um die Lücke zu sehen. Ein Gebäude überdauert sieben, acht Mieter nacheinander, bevor es selbst ernsthaft in die Jahre kommt.

Wirklich groß wird die Lücke aber erst über diese Generationen hinweg. Die junge Familie, die heute einzieht, will etwas völlig anderes als die, die vor zwölf Jahren kam. Sie arbeitet von zuhause, lädt ein Auto an der Steckdose, bestellt halb ihr Leben an die Paketstation, erwartet Glasfaser, einen Aufzug, vielleicht eine Gemeinschaftsfläche im Haus. An das meiste davon hat beim Bau niemand gedacht. So erfindet sich die Gesellschaft in diesen achtzig Jahren mehrfach neu, während das Gebäude die ganze Zeit stillsteht.

Phillip hat dafür ein Bild, das ich mir gemerkt habe:

„Ein Gebäude ist eine feste Struktur in einer flüssigen Welt."

Genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob ein Quartier über Jahrzehnte lebendig bleibt oder langsam an seinen eigenen Bewohnern vorbeilebt.

Wir erleben das bei ANIMUS in der täglichen Arbeit. Ein Quartier, das einmal fertiggestellt und danach sich selbst überlassen wird, veraltet schneller, als der Beton es je könnte. Die Mauern lassen sich nicht alle paar Jahre versetzen. Was sich anpassen lässt, ist die Ebene darüber: wie wir mit den Menschen im Quartier in Verbindung bleiben, was wir ihnen anbieten, wie wir mitbekommen, wenn sich Erwartungen verschieben, und wie schnell wir darauf reagieren. Genau dafür ist die ANIMUS App da. Und genau dafür bauen wir den ANIMUS Hub, der das Leben im Quartier sichtbar macht und gleich mitdenkt, wo man als Nächstes ansetzen sollte.

Was mich an Phillips Denken fasziniert, ist die Haltung dahinter. Ein Quartier ist nie fertig. Es ist ein Prozess, der immer wieder von vorn beginnt, weil die Menschen darin immer wieder andere sind und Neues von ihm erwarten. Wer Quartiere ernst nimmt, hört nie auf, ihnen zuzuhören. Genau an diesem Punkt arbeiten wir eng mit Phillip und Livable Places zusammen, deren Tool S/Core soziale Nachhaltigkeit im Quartier messbar macht. Wir teilen dieselbe Überzeugung: ein Quartier verdient Aufmerksamkeit über seine gesamte Lebensdauer, weit über den Eröffnungstag hinaus.

Und vielleicht ist das die eigentliche Lektion aus dem Gespräch. Diese gut 80 Jahre Lücke zwischen Stein und Mensch sind keine Schwäche im System. Sie sind der Grund, warum es Arbeit wie unsere überhaupt braucht.

P.S. Seit 2014 sind wir im Betrieb. Und trotzdem überrascht mich fast jedes dieser Gespräche noch mit einem Gedanken, auf den ich allein nie gekommen wäre. Genau dafür gibt es diese Notes.

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